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…Caspar Reimer (29), Journalist, Basel

«Hurrah! Mit 30 endlich normal geworden!»

Caspar Reimer (29), Journalist, Basel

Bald bin ich 30 Jahre alt und endlich auf der Höhe der Zeit angekommen. Warum es so lange dauerte, bis ich verstanden habe, wie der Hase heute läuft, liegt natürlich an meinen Eltern und deren Weltanschauungen. Ich bin irgendwo zwischen Ulrike Meinhof, Che Guevara und Karl Marx aufgewachsen. Um meine Eltern jetzt nicht als Terroristen an den Pranger zu stellen: Auch sie sind vernünftiger geworden.

Auf der Suche nach Opposition und Aufbegehren bin ich mit 20 Jahren in den Journalismus eingestiegen. Der Wille, die Welt schreibend zu verändern, war da. Es braucht nicht viel um sich vorzustellen, wie krass meine Enttäuschung war. Statt herausfordernder Gedanken und grundsätzlicher Auseinandersetzung fand ich konsumentenorientiertes, absolut konformes Zeitungsmachen vor. Ein Journalistenkollege sagte einmal wohlwollend zu mir, es sehe schwarz für mich in der Branche, wenn ich mich nicht endlich anpasse. Nun ja - ich legte mich dann eben doch mit dem Chef an und wurde entlassen.

Ich wollte immer anders sein. Alles, was mir irgendwie zu normal und konform erschien, lehnte ich ab. Bis zur Verzweiflung. So ging es mir auch in der Gayszene - ich war anfangs schockiert, wie langweilig und 'bünzlig' Schwule sein können. Ich legte mich heftig ins Zeug und schreib im Gaymagazin AK / akut (heute Display) eher unfreundliche Artikel. Das ging eine Zeitlang. Aber irgendwann war die Luft draussen. Ich bin heute etwas anders. Warum ist das so? Meine Einstellungen haben sich ganz grundsätzlich nicht verändert. Aber ein Leben in ständigem Widerstand zu etwas, das ich nur schwer beeinflussen kann, macht krank. Ich bin also bei einem wohl gesunden und zeitgemässen Egoismus angekommen.

Jetzt mit bald 30 darf ich sagen - in gewisser Weise bin ich jünger geworden. Oder vielleicht passt das Wort 'frischer' besser. Auch der Sex macht mehr Spass, ist weniger kopflastig. Man darf sagen, ich bin zu einem ganz normalen Mann geworden. Einem, der sich gerne ab und zu mal in der Gayszene oder auch anderswo aufhält.

Aber keine Sorge - ich bin zwar scheinbar angepasster geworden, aber von einem hirnlosen Deppen bin ich noch weit entfernt... - das war jetzt wieder unfreundlich. Sorry, war nur Spass.

Februar 2011,
Caspar Reimer (29), Journalist, Basel

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GayBasel.ch veröffentlicht in unregelmässigen Abständen die Gedanken von Exponenten und Exponentinnen der Basler Szene. Aktivisten, Organisatoren und Kulturschaffende verlieren Worte über das lesbisch/schwule Basel, die homosexuelle Welt, Politik, Liebe, Gott, Allah, Gesundheit oder auch nicht.

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