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…Tobias Brenk (30), Dramaturg, Basel

«Vom Transkörper zum Tanzkörper: The appetite comes with eating!»

Tobias Brenk (30), Dramaturg, Basel

Nach einem 2-Stunden-Flug und einer Fahrt mit Bussen, U-Bahnen und Taxen erreiche ich mein Ziel: die Theaterkasse. Dennoch bin ich viel zu früh. Ich stehe vor dem HAU in Berlin und beobachte vor mir eine Masse von jungen, stylischen Leuten: in engen Hosen, weiten Mänteln, mit grossen Brillen, Schals und Lederjacken, Dreitage-Bärten, gefärbten Haaren, überzeugend vielsagenden Blicken, mit gut-choreographierten Zügen an der Zigarette und nervösen Positionierungen in der Menschentraube. «Eine metrosexuelle Massenchoreographie!» denke ich.

Wenige Minuten später steht auf der Bühne Peaches, die Regie studierte und schon bei ihren ersten Konzerten ein Talent für Performance bewies. In «Peaches Christ Superstar» inszenierte sie sich noch ein Jahr vorher als Jesus-Reinkarnation, die alle Rollen des Musicals und alle Songs der Welt in sich einverleibte. Nun rockt sie in ihrem neuen Elecroclash-Musical «Peaches does herself» das Haus bis auf den letzten Platz und zeigt sich mit umgeschnallten Schwänzen und Titten als umoperierte Showqueen. Der eigentliche Hit an diesem Abend ist allerdings ihre Begleitung Danni Daniels - eine umwerfende Transe, die zu «Shake Your Dicks, Shake Your Tits» gleich mit beidem in echt wackeln kann. Da holt die reale Transenwelt selbst Peaches und mich wieder auf den Boden der Tatsachen...und ich frage mich: Und wo ist Basel für mich queer?

Als Kunstmekka ist Basel ein Traum für die Queer-Szene: Ich lebe in einer Stadt, in der anscheinend jeder ins Museum, Konzert, Theater, oder zumindest ins Kino geht oder oftmals im Bereich der Kunst und Kultur tätig ist! Wow, hier wimmelt es also von Menschen, denen nachgesagt wird, dass für sie queere Lebenskonzepte völlig normal sind - ein Traum für jeden homosexuellen Kunstliebhaber wie mich. In Basel müsste das queere Leben Teil der Kultur sein: die Stadt tickt doch «anders»!

Wenn das Queerdenken aber die Grenzen der üblichen Denkmuster erreicht, schluckt der schwule Szenengänger Basels zweimal, bevor er sich z.B. einen Film über schwarze Transmen aus den USA ansieht. Das Neue ist für die Queerszene oft zu fremd und zu wenig Hype um es interessant zu finden. Mir scheint aber dennoch: Kunst und Kultur sind die Basis meines queeren Lebens hier. Die Neugier auf den Körper wird nicht nur bei den Gaypartys befriedigt, viel öfter bei Tanzvorstellungen von Jin Xing, Alexandra Bachzetsis oder Bruno Beltrao in der Kaserne, an Konzerten von Bonaparte, The Raveonettes, My Heart Belongs To Cecilia Winter oder Oh No Ono, bei Ballettpremieren, an den Vernissagen, bei Luststreifen oder Queersicht. Der Geschlechterdiskurs ist in der Kunst, insbesondere im Tanz der beliebteste - der Tänzerkörper gehört für mich deshalb nicht nur wegen der anschliessenden Premierenfeier zum genau beobachteten Objekt.

Die TanzTage Basel, die Anfang Februar in der Kaserne und im Theater Roxy stattfinden, zählen somit zu einem Highlight meines queeren Winters - nicht nur weil ich für die Kaserne arbeite... Anja Meser und Beatrice Fleischlin verwandeln in «come on baby» ihre Körper in Dragkings und -queens- inklusive einer Gesangseinlage des Technikers , die jeden Vollblutromantikerhomo erweichen lässt! Ein besonderes Highlight ist das Gastspiel von Les SlovaKs aus Belgien mit ihrem Stück «Journey Home»: Sechs slovakische Männer begeben sich in Westen und riesigen Pluderhosen auf eine folkloristische Recherche in ihre Heimat. Ein anderer Gast bei den TanzTagen ist Cédric Andrieux, ehemals Tänzer bei Merce Cunningham und nun beim Ballet der l` Opera de Lyon - er erzählt uns aus dem Erfahrungsschatz als Tänzer einer grossen Compagnie. Als ich die Vorstellung in Nyon sah entstand ein Augenblick zwischen dem Tänzer auf der Bühne und mir als Betrachter, der sich in mein Gedächtnis für immer einbrannte. Sei es bei den Aufführungen in Berlin oder anderswo: Die Bühne ermöglicht mir als Zuschauer die gesellschaftliche Auseinandersetzung über den Körper, sei der Mensch dahinter trans-, inter-, bi-, hetero- oder homosexuell. Die Lust am Zuschauen kommt dabei beim Beobachten - oder: The appetite comes with eating!

Januar 2011,
Tobias Brenk (30), Dramaturg, Basel
www.kaserne-basel.ch

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GayBasel.ch veröffentlicht in unregelmässigen Abständen die Gedanken von Exponenten und Exponentinnen der Basler Szene. Aktivisten, Organisatoren und Kulturschaffende verlieren Worte über das lesbisch/schwule Basel, die homosexuelle Welt, Politik, Liebe, Gott, Allah, Gesundheit oder auch nicht.

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