Buchtipp
schräge unheilige Nächte in Istanbul
Ali und Ramazan, zwei Waisen aus Istanbul treffen zufällig in einem der Waisenhäuser im Schatten einer Moschee aufeinander. Ihre Betten waren nicht besser als eine Krippe im Stall, nur dreckiger. Ihre Seelen waren nicht heil, nur zerfetzt von den vielen Schlägen Erwachsener.
Die Autorin und übrigens auch der Übersetzer haben eine klare, jeweils altersgerechte, aber auch irgendwie poetische Sprache gefunden, die nichts beschönigt, aber alles veranschaulichen kann.
Ramazan, was eigentlich der Name des Tages zum Fastenbrechen bedeutet, ist als Baby und in Windeln gewickelt im Moscheehof gefunden und zur Polizei gebracht worden. Schon damals hatte er begonnen, sich sein tägliches Brot hart zu erarbeiten. Will heissen: sich seiner Schönheit und seiner Ausstrahlung zu bedienen.
Ali, was eigentlich der Erhabene bedeutet und sehr wahrscheinlich eine Ableitung von Alexander dem Grossen natürlich ist, betritt das Leben Ramazans während eines Murmelspiels unter Jungs.
Alis Haut ist von einer so intensiven, einer so gleichmässigen und makellosen Bräune Ramazan geht hin und legt seine Hand neben die von Ali. Der fährt erschrocken zusammen. Hastig zieht er seine Hand weg und steckt sie in die Tasche seiner zu kurzen blauen Hose.
Bist du n Araber, Junge? Guck doch ma, wie braun du bist. Deine Nase und alles an dir is voll seltsam.
Ja bin ich, Bruder. Wir sind Nusayris: arabische Aleviten.
Ha, n Fellache also! n Fellache hat uns gerade noch gefehlt! Na ja, dann sind wir ja jetzt komplett
Ramazan beginnt zu lachen. Er liebt Ali dafür, dass er ihm immer wieder etwas zum Lachen gibt. Deshalb sucht er auch ständig seine Gesellschaft.
Und während die beiden miteinander spielen und kämpfen, mit Worten und Murmeln und der Fellache von Ramazan diese Spiele flink und gelehrig erlernt, beginnen sie unbewusst auch das Spiel des Lebens miteinander.
Die anderen Jungen sehen ihnen mit Verwunderung dabei zu. Ohne dass es jemand ausgesprochen hätte, begreifen sie sehr bald, dass Ali und Ramazan einander in dem ergänzen, was dem anderen jeweils fehlt.
Ramazan tut Ali gut. Wie man das nennt, was da mit ihm passiert, das weiss er nicht. Er verliebt sich. Hals über Kopf verliebt Ali sich. So sehr wie es nur geht.
Ali kennt das Lachen, das Ramazan einsetzt, wenn er von jemandem etwas möchte, wenn er die Menschen dazu bringen will, die unwahrscheinlichsten Dinge zu tun, genauso auswendig wie dieses katzenartige Grinsen. Und auch seine anderen Arten zu lachen oder so zu tun. Er hat sie sich alle eingeprägt, sie alle fein säuberlich abgespeichert.
Denn Ramazan ist sich seit seiner frühesten Kindheit bewusst, was für ein schöner, prachtvoller Kerl er ist. Und auch, wie gut es ihm steht, zu lachen.
Doch die Zeit im Waisenhaus ist eine harte Zeit. Sie wird die Zeit der Vorbereitung aufs Leben. Ramazan muss dienstbar sein gegenüber dem Direktor. Aber auch die Köchin im Haus fasst ihn mit ihren dreckigen Fingern an. Und irgendwann sehen die wichtigen Erwachsenen diese Fröhlichkeit zwischen den Jungen, die Ramazan ihnen nie entgegenbringt, so entgegenkommend er auch immer wieder ist
In frühester Kindheit schon verdient Ramazan sich mit Liebesdiensten sein tägliches Brot. Er tut seine Pflicht. Er gibt ihnen, was sie wollen und er weiss genau, was es ist. Sie sind unersättlich. Aber genau das wird Ramazan irgendwann zu viel. Er kann nicht immer nur geben. Andauernd. Jedem. Alles.
Eines Nachts entführt Ramazan seinen Ali, seinen Reifenschlauch (weil er beim ersten Auftauchen, so zugeschnittene Pneustücke an seinen Füssen hatte) ins Büro des Direktors, von dem er einen Schlüssel hat. Und auf dem altgedienten Bettsofa vereinigte er sich erstmals mit seinem Lover und wieder und wieder bis zum Morgen. Und er denkt sich: dass man sich mit dem, den man liebt vereinigt. Die anderen werden einfach pflichtgemäss gefickt.
Das gab Streit mit dem Herrn Direktor! Als sie vor der Tür des Waisenhauses stehen, sagt Ali, mit seinen vor Kummer, Verzweiflung und Scham zu zwei schwarzen Löchern geschrumpften Augen, Ramazans Blick suchend: Er hat Schwuchteln zu uns gesagt, grosser Bruder. Sind wir Schwuchteln? Bin ich jetz ne Schwuchtel?
Scht macht Ramazan. Nimm dieses Wort nich in den Mund. Wir sind keine Schwuchteln oder so was. Wir sind n Liebespaar. Okay? Wir sind einfach ineinander verliebt.
Doch diese Liebe ist für beide fast zu schwer, um sie in ihren Militärdienst und ins zivile Leben weiterzutragen. Denn nun werden sie immer wieder für längere Zeit getrennt. Und nach dem Vaterlandsdienst empfängt ihn die Istanbuler Gosse, mitten in einem kalten Winter. Er landet in den Händen von Polizisten, Militärs und zuletzt im Spital
Anschliessend stürzt er sich kopfüber ins horizontale Gewerbe. Er muss ja ein schöner junger Mann geworden sein. Ramazan wird zum gefragtesten Toyboy von ganz Aksaray.
Na ja, er wurde ja auch im Waisenhaus von Kindesbeinen an darauf getrimmt. Das ist natürlich von Vorteil.
Nach diesen Prügeln ist er als ein neuer Ramazan wieder auferstanden. Na und, dann ist er eben eine Hure! Aber ein Hurensohn ist er nicht. Das ist sehr wichtig.
Endlich wird die Entlassung seines Ali aus dem Militär absehbar und Ramazan will all dem Schmutz und dem Sex mit den Ehemännern in Istanbul nur noch entfliehen und mit dem zusammen sein, der ihm alles bedeutet im Leben. Sie sind keine Schwuchteln. Sie sind einfach nur über beide Ohren verliebt. Okay, sie sind beide Männer. Aber was macht das schon, wenn man verliebt ist? Wen stört das schon?
Was anfängt als grosse Verheissung und Übereilung der Gefühle, wird in dem Moloch Istanbul für die Männer zur Katastrophe, von der sie sich nicht mehr erholen. Ramazan arbeitslos fickt sich durchs Leben und Ali verliert sich im Klebstoffe schnüffeln bis Ramazan sich an einem Stellmesser vergreift und auch noch zum Verbrecher wird.
Diese tief-doppelmoralische Gesellschaft, religiös verbrämt und immer darauf aus, Andere Schwuchtel zu nennen, sich aber von diesen heimlich ficken zu lassen, ist auch für ein männliches Liebespaar, das sich ja an Heteros orientiert und niemals mehr voneinander loskommen kann einfach zuviel. Man kann es durchaus den heterosexuellen Morast nennen, der die beiden verschlingt. Und übrigens abseits der türkischen Schwulenbewegung gibt es auch Opfer, die zu Tätern werden, aus Urangst vor der Entdeckung einer Schande, die wohl sehr viele treiben und gleichzeitig verleugnen
Ali hat sich gegenüber Ramazan niemals etwas zuschulden kommen lassen, es sei denn, es war das Vergehen, dass sie zu Ali und Ramazan geworden sind.
Das Buch dröselt in den weiteren Lebensabschnitten Schritt für Schritt die faszinierenden Charaktere von Ali und Ramazan und das Gefängnis ihres Lebens erst richtig auf. Ihre Leidenschaften, ihre kleinbürgerliche Moral und die Verhängnisse, die daraus kommen. Es ist auch das Verhängnis der türkischen Gesellschaft in Istanbul und so oft auch im Westen bei uns
So wie das Leben die beiden Jungs in Istanbul verschlingt, so stürzt der Roman, die Leser mitreissend, dem Ende zu, das den Anfang verschlingt. Ein schräger Anfang und ein schräges Ende, wenn man das Wort schwul in Istanbul vermeiden will!
Der Roman enthält ein Motiv aus tatsächlicher Begebenheit, vermeldet immer auf Seite 3 einer grossen Zeitung. Nur der Tod konnte dem allem ein Ende setzen.
Die Geschichte erinnerte mich stark an das Epos von Gilgamesch und Enkidu.
Für CHF 20.-- ca. ist das Buch bei Arcados erhältlich.
ARCADOS, Rheingasse 67, Basel
Peter Thommen, Buchhändler, Basel
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