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Sexismus im Grossstadtdschungel

Sexismus im Grossstadtdschungel

Lara Clerc hat eine beeindruckende Geschichte über Jugendliche verschiedenster Herkunft geschrieben. Zentrales Motiv ist der Rassismus, der immer wieder an Haltestellen und unter ihnen selbst hervorlugen tut. Aber auch Rassismus ist nur eine Art von Sexismus, denn es geht ja um bestimmte unveränderbare Körpermerkmale der "Anderen", an denen genauso "negative Charaktereigenschaften hängen" können, wie an der traditionellen Geschlechterordnung. Rassismus ist auch heute wieder die konsequente gesellschaftspolitische Fortsetzung von Sexismus.

Die kluge Lara hat auch begriffen, dass das Problem auf beide Seiten "schlägt", sich also nicht immer "politisch-korrekt" stellt. Es gibt in ihrer Geschichte nicht nur weibliche Täterinnen, sondern auch männliche Opfer von Übergriffen. Überhaupt hat sie begriffen, dass schon die Wahrnehmung von Übergriffen viel wichtiger wäre, als ein späteres Bedauern über die Gewaltopfer. Zudem kann sich die Täter- oder Opferrolle im Leben sehr schnell auch umdrehen. Und dann wird es schwierig für eine Freundesgruppe oder die Öffentlichkeit, dies überhaupt wahrzunehmen und richtig zu verstehen.

Laras fabel-hafte Geschichte ist schlau aufgebaut und anfangs etwas verwirrend. Aber die Jugendszene ist heute nicht mehr so einfach zu durchschauen! Eine Kinderfreundschaft zwischen Jungs wird durch das coming out des einen plötzlich auf die Probe gestellt. Der andere findet sich in seinen Gefühlen und Umgangsformen dadurch plötzlich verunsichert - hatte er doch die Zärtlichkeiten bisher immer "unschuldig" genossen. Sehr schön sind sie im Vergleich zu den Gefühlen gegenüber Mädchen beschrieben. Zur Gruppe tritt ein junger hübscher Neonazi mit Hakenkreuz in der Gürtelschnalle, in den sich der Schwule verliebt. Der Gürtel wird zum eigentlichen Symbol von gut - und dem was unterhalb dieser Linie liegt.
Kann ein Neger einen Kanaken akzeptieren? Können diese einen weissen Schwulen annehmen? Wie gehen asiatische Frauen mit all dem um? Und zwischendurch steht auch die Frage im Raum: Wer von den Schwulen spielt die Frau? So heftig wie die Leidenschaften sind jeweils auch die Entschuldigungen.

Die Geschichte lebt mehr von den sich widerstrebenden Gefühlen als vom Sex, Nicht ganz ohne Unterleib - aber eben so, wie es sich Mädchen vorstellen können. Sie kann bedenkenlos für Jugendliche empfohlen werden! (grins!) Für Heterosexuelle, weil ein Mädchen die Erzählung steuert und für Homosexuelle und Klemmschwestern, weil sie verstehen lernen, was in den Anderen so ablaufen kann nach einem coming out. Die Leiden eines schwulen Jungen, wenn er mit intimen Freunden in die Pubertät kommt und mit seinen sexuellen Fantasien auf die Nase fällt, fehlten mir aber irgendwie in diesem Dschungelwerk. Faszinierend schlüpft Clerc in die Perspektive der meisten Figuren.

Der Schluss mit dem Schritt an die Öffentlichkeit wirkt etwas bemüht, behält aber die selbe Schreibform. Ansonsten gibt es sehr viel Anregung und weitere Details in dem Debüt-Roman eines Teenagers zu entdecken. Vielleicht wird mit einer breiteren Diskussion über alles und mit anderen schwulen Jungs, später mal eine neuer Roman darüber möglich, für den sich dann ein bekannter Jugendbuch-Verlag interessiert. Erschienen ist das Werk als Books on Demand bei Pro Business.

Lara Clerc. Rythem of Racism. Gemeinsam gegen uns selbst, Pro Business 2011, 260 S. € 12.-

Für CHF ca. 18.-- ist das Buch bei Arcados erhältlich.
ARCADOS, Rheingasse 67, Basel

Peter Thommen, Buchhändler, Basel

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