43eb Buchtipp: Die Bringschuld der heterosexuellen Eltern | GayBasel — lesbisch/schwule Kultur in Basel
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Buchtipp

Die Bringschuld der heterosexuellen Eltern

Die Bringschuld der heterosexuellen Eltern

Ich will eigentlich über ein im letzten Herbst erschienenes Buch für Eltern homosexueller Kinder schreiben. Da wollte es der Zufall, dass ich kürzlich ein "Aufklärungsbuch" aus dem Jahr 1947 zur Hand nahm, das ich irgendwann mal gekauft hatte. Verfasserin war eine "Mutter und Ärztin", die offenbar Anfang letzten Jahrhunderts mit der neuen Psychoanalyse von Sigmund Freud in Berührung gekommen ist.
Wir dürfen nun nicht erwarten, dass sie die Homosexualität in ihr heterosexuelles Weltbild einordnen konnte. Aber das Verhältnis von Sexualleben, Kindheit und Jugend hatte sie durchaus realistisch eingeschätzt. Damals war das revolutionär. Heute bald schon wieder kriminell ? nach nur 75 Jahren!
Schon Ernest Bornemann hat herausgefunden, dass sehr viele Erwachsene, die Kinder haben, an "Gedächtnisverlust" über die eigene Kindheit leiden. Die Autorin schreibt: "Deshalb gibt es viele Eltern, die auf den Rat, ihre Kinder mit den Lebenstatsachen bekannt zu machen, in aller Aufrichtigkeit antworten: Ich weiss nicht warum, aber ich kann es einfach nicht."

Udo Rauchfleisch, selber Psychoanalytiker, hat 2012 einen Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder geschrieben. In seiner Einleitung schreibt er: "Fundiertes Wissen über gleichgeschlechtliche Orientierungen und Lebensweisen ist allerdings nicht so verbreitet, wie man im Allgemeinen annimmt. Wissen Sie wirklich, was in einem jungen Menschen vor sich geht, wenn er entdeckt, dass er homo- und nicht heterosexuell ist?"

Und hier setze ich meine erste Kritik: Es gibt nicht nur gleichgeschlechtlich "orientierte" Menschen! Auch Bisexuelle gibt es. Aber was noch viel wichtiger wäre zu verbreiten, das fällt auch bei ihm unter den Tisch: Es gibt viele heterosexuell orientierte Menschen, die ebenfalls homosexuelle Bedürfnisse haben und diese unter ebenso schwierigen Bedingungen befriedigen müssen, wie Schwulis. Es geht eben nicht nur darum, dass heterosexuell lebende Menschen sich plötzlich in einen des gleichen Geschlechts "verlieben" können. Sie können gelegentlich, oder auch regelmässig, mit dem gleichen Geschlecht nur Sex machen. Und nach über zehn Jahren Internet behaupte ich, dass dies mindestens ein Drittel der Männer auch tut.

So wie Heterosexuelle nicht bei jedem Sex sich fortpflanzen wollen, so gehört auch die Homosexualität zum männlichen Geschlecht. Das kann nicht allen Frauen gefallen. Und Massstab sollte nicht mehr die "Orientierung" sein, sondern das Bedürfnis, das übrigens auch kultiviert werden muss. Viele Männer entdecken ihre Prostata und ihre Bedürfnisse erst nach 20 Ehejahren. Andere greifen auf Kindheits- und Jugenderlebnisse zurück. Es gibt eben viele Gründe für die Familien und die Gesellschaft, diese "Lebenstatsachen" unter den Tisch zu wischen.

Die Autorin beklagte 1947 die falsche Schamhaftigkeit in der Moral, wobei sie ein ausgezeichnetes "Sittenbild" erstellte, wie man damals wohl gesagt hätte. Und heute sage ich, es gibt nicht nur die herrschende, sondern auch vor allem die frauschende Moral. Und was heute politisch-korrekt als "frauenfeindlich" bezeichnet wird, darauf wies diese Mutter schon damals hin: Auf die Verantwortung der Mütter im heterosexuellen Familienkomplex. Die Autorin: "Nicht umsonst sagt man: Ein Volk ist so viel wert wie seine Mütter." (in der Sprache jener Zeit!)

Ich fürchte, dass auch heute noch ein Ratgeber für Eltern in den meisten Buchläden vergammeln wird, weil ja vordergründig kein Anlass besteht, ihn zu lesen. Und wenn der Sohn sich getraut, sein coming out zu machen, dann ist Vieles wichtiger, als ein solches Buch zu suchen. Seit den 70ern gibt es Elternvereinigungen und mir ist nicht bekannt geworden, dass sie besonders Zulauf gehabt hätten. Zugegeben, das sind keine Gründe, so ein Buch nicht zu publizieren. Aber es gäbe viele alternative Möglichkeiten der Publizistik zu solcher Literatur. Aber dann wird politisch ausgegrenzt! Broschüren werden zensuriert, Hetero-Fundis reklamieren ihre Familie als Aufklärungsort, etc. Nur wenn ein Jugendlicher in Drogen abgleitet, oder sich das Leben nimmt, dann will diese Familie keine Verantwortung dafür übernehmen. Schuld sind auch dann immer die Anderen.

Zurück zum Buch. Rauchfleisch geht verständnisvoll auf die verschiedenen Problemkreise ein und empfiehlt fachliche Beratung. Die ist heute sicher mehr gewährleistet als noch vor Jahrzehnten. Aber was nützt einer Mutter der Begriff der "Kern-Geschlechtsidentität", wenn sie Angst hat, ihr Sohn werde anal vergewaltigt? Diese Angstbilder vermeidet er geflissentlich. Frauen haben keine Prostata und kennen die anale Lust nicht aus dieser Erfahrung! Der "Befund" den Rauchfleisch anführt: "Im Allgemeinen haben Frauen mit Homosexualität wesentlich weniger Probleme als Männer", ist eine undifferenzierte Plattitüde. Ich bin schon mehrfach bei Frauen darauf gestossen, die das nicht bestätigten. Und so leid es mir tut: Antworten von befragten Frauen sind nicht immer so offen und ehrlich, wie die Diskriminierungen der Männer!

Zurzeit rezensiere ich auch eine Arbeit über solche Frauen, deren Söhne Männer "lieben". Ich zitiere aus jenem - nicht repräsentativen - Befund: "Die Ergebnisse dieser Untersuchung verdeutlichen, dass die Formen, in denen sich die mütterliche Einstellung ausdrückt, dem Einfluss eines gesellschaftlichen Stigmas unterliegen. ... Entscheidend ist dabei nicht immer die Homosexualität an sich, sondern die Bedeutung, welche die einzelne Mutter der gesellschaftlichen Meinung und Erwartung beimisst."
Während die psychoanalytisch geschulte Ärztin und Mutter oben klar die Verantwortung den Eltern zuweist, relativiert die Pädagogin Claudia Müller im obigen Zitat die Verantwortung gesellschaftlich und streicht sie letztlich individuell glatt. Mütter meinen es doch immer nur gut???

Und so wie die Ärztin 1947 für Offenheit gegenüber den sexuellen Bedürfnissen der Kinder vom Anfang ihres selbständigen Lebens an eintrat, sosehr verplempern noch heute Eltern die Entwicklung ihrer Sprösslinge, weil sie eben keine Verantwortung übernehmen wollen, wenn etwas dann schief läuft. Das eigene Schuldbewusstsein ihrer Sexualität gegenüber ihren Kindern verhindert das! Wir sind also im Allgemeinen nicht weitergekommen. Denn wenn der Sohn sein coming out riskiert, dann hat er zu einem guten Teil auch "die Arbeit der Eltern" gemacht, wovon diese ja nichts geahnt haben. Und diese Zeit ist dann auch für Mütter unaufholbar.

Udo Rauchfleisch: Mein Kind liebt anders, 184 S. Patmos 2012

Nachtrag: Es kann der Eindruck entstehen, ich fände das Buch schlecht. Dem ist nicht so! Wer sich für den Themenkreis interessiert, ist bestens bedient. Das Buch kann eine gesellschaftspolitische Konfrontation nicht ersetzen. Aber dafür ist Udo Rauchfleisch wiederum nicht zuständig! Und die Schwulenbewegung kann sich nicht ihrer Verantwortung entziehen, ebensowenig wie die Eltern...

(Zitiert aus: Dr. Jeanne Stephani-Cherbuliez: Dem Geschlecht sein Recht, Müller Rüschlikon, 1947 - Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

Für CHF 19.- ist das Buch bei Arcados erhältlich.
ARCADOS, Rheingasse 67, Basel

Peter Thommen, Buchhändler, Basel

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